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Rede zum Volkstrauertag 2020

 

 

Sehr geehrte Anteilnehmende,

 

wir befinden uns heute hier, in der Gedenkhalle der Kieler Gelehrtenschule, anlässlich zentraler Ereignisse, die ihren Anfang in der Geburt der Menschheit selbst fanden. Ereignisse, die sich bis heute erstrecken und kein Ende zu finden scheinen. Ereignisse, die aufgrund ihrer politischen Ausmaße Millionen von Leben kosteten. Es sind Ereignisse, die alles veränderten. Ereignisse, die für viele unserer Vorfahren und Familienmitglieder die Realität wurden.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg gaben mehr als 75 Millionen Soldaten, Zivillisten, ermordete jüdische Mitbürger, Opfer des Luftkriegs, Homosexuelle, Flüchtlinge und Heimatvertriebene ihr Leben. Sie gaben ihr Leben in den größten militärischen Konflikten in der Geschichte der Menschheit.

75 Millionen Menschen, das ist knapp die gesamte Bevölkerung des heutigen Deutschlands. Die Zahl der Menschen, die ihr Leben ließen, ist unüberschaubar, und doch hat jeder einzelne von ihnen eine Geschichte, eine Familie und Freunde, Lieblingsplätze und Leidenschaft, Hunger und Durst; denn das zeichnet uns aus. Wir alle sind Menschen, Individuen, die eines verdient haben: zu leben.

Liebe Anteilnehmende, umso mehr trauern wir heute um die Menschen, denen dieses verwehrt blieb: das „Menschsein“. Wir trauern um die Menschen, die keine andere Wahl hatten, als dem Militär zu dienen, denn sie taten dies für ihre Familie, für ihr wichtigstes Gut; es geht um Väter, die ihre Familie verließen und nicht wieder zurückkamen.

Kriege sind Kämpfe um Macht, Kriege sind Ausdruck politischer Mittel. Kriege zerstören und zerreißen die Menschheit mit ihrer willkürlichen Macht. Wir wollen nicht, dass Menschen aufgrund von Krieg als politischem Mittel ihr Leben lassen müssen. Wir wollen nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft ihr Leben lassen müssen. Wir wollen nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Orientierung und Religion ihr Leben lassen müssen. Wir wollen nicht, dass unschuldige Menschen leiden müssen. Und doch, liebe Anteilnehmende, scheint dies unausweichlich.

Immer und immer wieder sehen sich Menschen in dieser Welt gezwungen, anfängliche Abgrenzungen in solch unausweichliche Kriege münden zu sehen. Interessen, Profite, Ideologien, Identitäten, Weltbilder - all das sind Punkte, die zwischen Nationen oder Gruppierungen unserer Gesellschaft Unterschiede mit sich bringen. Unterschiede, die sich zu oft hin zu scharfen Fronten entwickeln.

Es waren die machtpolitischen Abgrenzungen von europäischen Nationalstaaten zueinander, die kurz später zum Ersten Weltkrieg und dem Opfer von Millionen Soldaten führten. Es war eine sich über Jahrhunderte aufbauende feindliche Abgrenzung zu jüdischen Mitbürgern, die vor nur 80 Jahren zu rassistischem Fanatismus und zu den unmenschlichsten Gewalttaten gegen sie führte.

Im Bewusstsein und der tiefen Trauer um die Opfer dieser Ereignisse, liebe Anteilnehmende, ist es bedrückend zu erfahren, dass Krieg auf unserer Welt bis heute - in der Tat - kein Ende nimmt. Wird Krieg also für immer mit unserem Dasein auf diesem Planeten verbunden bleiben? Müssen Unterschiede zwischeneinander, so gravierend sie auch sein mögen, zwangsläufig zu Konflikten und Gewalttaten entgegen jeglicher Menschlichkeit führen?

Liebe Anteilnehmende, es ist genau dieser Punkt, der uns besser als jeder andere beibringt, mit Unterschieden leben zu können. Er bringt uns bei, persönliche und kollektive Unterschiede, die zwischen uns bestehen, zu akzeptieren und friedlich auszutragen, anstatt in Feindseligkeit und Fanatismus abzudriften. Denken wir hierbei nur ein weiteres Mal an die Vielfalt der persönlichen und menschlichen Geschichten, die jedes einzelne der Opfer, derer wir heute gedenken, mit sich trugen!

Nur so erhalten wir zumindest die Perspektive einer Welt, in der wir Krieg und Gewalt doch ausweichen können. Nur so, mit einer Lehre, die wir immer wieder aus dem Volkstrauertag ziehen können, ist es uns möglich, Einfluss auf die Entwicklungen zu nehmen, die zur Entzündung oder aber zur Entschärfung der Konflikte und Kriege in der Zukunft beitragen werden.

 

Gleichzeitig mahnt uns der Volkstrauertag auch, die Opfer der vergangenen Kriege nicht zu vergessen. Er mahnt uns derer zu gedenken, die im Krieg von ihren Müttern getrennt wurden, die aufgrund ihrer „Rasse“ gehasst und grundlos ermordet wurden. Derer, die gezwungen wurden, ihr Leben für das deutsche Volk zu opfern.

Doch besteht heutzutage überhaupt noch der Bedarf, jener Opfer zu gedenken?Schließlich leben wir in der Demokratie, im Wohlstand und in der Meinungsfreiheit. Aber vielleicht trügt dieser Schein auch nur.

In einer Zeit, in der Deutschland in mehreren Kriegen kämpft, in einer Zeit, in der zwei Flugzeuge genügen, um einen Krieg zu entfachen, in einer solchen Zeit - in UNSERER Zeit - zeigt sich einmal mehr, wie aktuell und wichtig der Volkstrauertag ist. In diesen Tagen jagt eine Schlagzeile die andere. Da wird ein Lehrer in Frankreich enthauptet. In Österreich läuft mitten in der Hauptstadt eine Person Amok. Ein US-amerikanischer Präsident klagt auf den Abbruch einer demokratischen Wahl, weil er nicht mit dem Ergebnis zufrieden ist. Und jedes dieser Ereignisse erfordert Opfer - Opfer, die unschuldig sind, Opfer, die noch so viele Pläne hatten.

        

Gerade daher wird es für uns noch wichtiger, auf die Zukunft positiv Einfluss zu nehmen. Der Neurowissenschaftler Abhijit Naskar sagte einmal: „Die Nationen dieser Welt haben viel Zeit für die Planung von Kriegsstrategien verwendet. Es ist an der Zeit, dass wir stattdessen anfangen, Frieden zu organisieren.“

Dieses Zitat führt uns auf den Kern der Menschlichkeit zurück, auf den Humanismus, der den friedlichen Umgang mit unseren Unterschieden eröffnet, ganz auf der entgegengesetzten Seite von Krieg als Umgang damit.

Liebe Anteilnehmende, wenn wir also von zentralen Elementen sprechen, die ihren Anfang in der Geburt der Menschheit selbst finden, dann sind Humanismus und Kriegstrieb zugleich gemeint. Beide begleiten uns durch die Geschichte bis ins Jetzt hindurch, doch es liegt in den Händen jedes einzelnen Zuhörers heute, das „Miteinander“ unserer Vielfalt weiter auszubauen und von nun an nie wieder unter Feindschaften zu begraben.

Wir gedenken heute zahlreicher Menschen aus verschiedenen Abschnitten unserer Geschichte, mit womöglich verschiedenen Lebenssituationen und Ideologien, die ihr Leben prägten. Doch es verbindet uns vor allem eine Sache, ein klares „Miteinander“: die Kieler Gelehrtenschule.

Lasst uns dieses verbindende Beispiel heute nehmen und in Erinnerung an die Kriegsopfer, die einmal auch unsere Schule besuchten, für die Zukunft lernen - um mit jedem weiteren unserer Schritte auf eine ferne Zukunft ohne Krieg zuzusteuern, eine Zukunft, die keine unschuldigen Opfer mehr fordert und tiefen Frieden in einer globalen Gemeinschaft verkörpert.

 

Danke sehr.

 

 

Atash Heil und Yannick Levermann (Q2b)

 

 

eingestellt von Steffen Jeschke am 13.11.20News Ende